Frank K.

Es waren die 1980er Jahre. Ich lernte Frank zufällig vor seinem Haus in der Beusselstraße kennen. Damals war ich 19 Jahre alt, er 16. Wir waren uns sofort sympathisch und haben zusammen auf der Gotzkowskybrücke gestanden und dort runtergepinkelt. Die bösen Blicke der Passanten haben den artigen Jungen aus Moabit und mir punkigem Kreuzberger Spaß gemacht. Danach sind wir woanders ganz runter geklettert ans Wasser, haben uns in eine Ecke verdrückt, uns gegenseitig festgehalten und lange geredet. Obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten, hat er sich mir gegenüber total geöffnet. Er erzählte von seiner Familie, der christlich-fundamentalistischen Mutter, dem gewalttätigen Vater, von seinen älteren Geschwistern, die total spießig waren. Und vom Mobbing seiner Mitschüler im Gymnasium am Hansaplatz. Einer von denen hatte ihn mal sexuell angemacht und er war drauf eingestiegen, weil er sowieso in ihn verliebt war. Doch es war eine Falle, der Mitschüler fand das nur lustig und erzählte seinen Kumpels davon. Seitdem litt er noch mehr unter den Sprüchen und manchmal auch Schlägen.

Ich weiß noch, wie hilflos Frank war. Ich bot ihm an, mal mit ein paar Freunden aus unserem besetzten Haus zur Schule zu kommen und den Mobbern eins auszuwischen. Aber das wollte er nicht, er wollte überhaupt nur Frieden. Wir trafen uns noch ein paar Mal, meistens wenn er aus der Schule kam. Dann machten wir Spaziergänge, durch den Tiergarten oder an der Spree entlang. Frank sagte mehrmals, dass ich sein einziger Freund wäre und er nicht wüsste, wie es ohne mich weitergehen würde. Irgendwann küssten wir uns, streichelten uns, es war wahnsinnig viel Zärtlichkeit in ihm. Als er mich eines Tages besuchte, hatten wir bei mir gemeinsam Sex. Für ihn war es wie eine Erlösung. Es war eine Bestätigung, dass es das ist, was er wollte. Wir schrieben uns kleine Briefe, mit Herzchen und Küsschen und so. Es dauerte nicht lange, da traf ich ihn mit einem blauen Auge. Das hatte ihm sein Vater geschlagen, nachdem er einen dieser Briefe gefunden hat.

Ich sagte ihm, dass er auch bei mir einziehen könnte, hier wäre er vor ihm sicher. Aber das wollte er nicht, seine Angst war zu groß. Meine Mitbewohner hatten mitbekommen und ihm auch gesagt, dass sie ihm helfen würden, er müsste es nur wollen. Aber ich kannte Frank mittlerweile gut genug um zu wissen, dass er das nicht annehmen würde.

Bald danach erhielt ich mit der Post einen sehr traurigen Brief von ihm. Er bedankte sich darin für meine Freundschaft und Liebe. Aber sie war nicht stark genug, ihm das Leben zu retten. Ich bin sofort in die Beusselstraße gefahren, wo er gelebt hat. Bei einem Nachbarn habe ich nach Frank gefragt und erfahren, dass er sich tatsächlich das Leben genommen hat. Dann klopfte ich an seine Wohnungstür, ich wollte wissen, was die Eltern jetzt denken. Die Mutter öffnete und meinte, dass es wohl besser so sei. Dann kam der Vater und griff mich sofort an. Bei der Schlägerei hatte er keine Chance. All meine Verzweiflung schlug ich in ihn hinein, bis er blutend auf dem Teppichboden lag.

Dann bin ich gegangen. Ich weiß bis heute nicht, wie Frank gestorben ist und wo er beerdigt wurde. Und auch nicht, ob ich seinen Tod irgendwie hätte verhindern können.

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