Die Brüder Sass

Vor hundert Jahren wurden zwei Moabiter Brüder aus der Birkenstraße stadtbekannt. Franz und Erich Sass hatten immer wieder versucht, mit mehreren spektakulären Einbrüchen an das große Geld zu kommen. Doch jedes Mal kam etwas dazwischen. Nur einmal waren sie wirklich erfolgreich, dazu aber später.

Die Sass-Brüder wurden damals als „Meisterdiebe” und „soziale Gauner“ verklärt, weil sie angeblich Teile ihrer Beute in der armen Bevölkerung verteilt haben. Tatsächlich gibt es dafür aber keinen Beleg. Doch warum gelten die beiden „Jungs aus Moabit“ als Berliner Robin Hoods? Man muss das sicher im Zusammenhang mit der damaligen Zeit sehen: Ende der 1920er Jahre herrschte in Deutschland Rezession, die Armut wuchs, Identifikationsfiguren waren gefragt. Die zwei Brüder waren typisch für diese Zeit: Aufgewachsen mit vier weiteren Geschwistern, 1-Zimmer-Hinterhauswohnung in der Birkenstraße 57, die Arbeitslosigkeit warf die Familie nieder. Da schafften es die beiden, den verhassten Staat an der Nase herumzuführen, vorzuführen – und der konnte sich nicht wehren. In dieser Stimmung entstehen Legenden.

Sie waren zu ihrer Zeit die Einbrecher, die am genauesten planten und ihre Coups höchst präzise durchführten. Bei keinem der Einbrüche ist der Polizei klargeworden, woher die beiden ihre Informationen hatten. Es muss sich um Insiderwissen gehandelt haben, von außen konnte man die meisten Einbrüche nicht in dieser Art vorbereiten. Leider ist dieses Rätsel nie gelöst worden.

Aufgeflogen sind Franz und Erich Sass schon vor der ersten Aktion, als sie einen Schneidbrenner kaufen wollten und dabei der Polizei auffielen. Dabei war bis dahin bei keinem Tresoraufbruch ein solches Gerät benutzt worden, auch hier waren die Brüder Pioniere. Manche Technik, die sie bei ihren Einbrüchen anwandten, war einmalig. Sicher hat auch dieser Einfallsreichtum den Charme der beiden in der Öffentlichkeit gefördert, zumal sie auch niemals Gewalt gegen Menschen richteten. Den Schneidbrenner durften sie letztlich wieder mitnehmen, man konnte ihnen nicht nachweisen, dass sie damit eine Straftat planten. Und obwohl er später an einem Tatort gefunden wurde, konnte die Polizei ihn nicht beweiskräftig den beiden Sass-Brüdern zuordnen.

Ihre Einbruchskarriere begann dann am 27. März 1927, nur wenige hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt, Alt-Moabit 129. Das Eckhaus zur Werftstraße steht noch heute. Als sie bereits in der Filiale der Berliner Bank waren, mussten sie die Aktion abbrechen, weil es Probleme mit dem Brenner gab.

Ab diesen Zeitpunkt war die Wohnung der beiden Beobachtungsobjekt der Polizei, denn die ging davon aus, dass die Gebrüder Sass mit ihrem neuen Schneidbrenner am Werk waren. Doch trotz intensiver Überwachung der Wohnung gelang es den Ermittlern in den folgenden Jahren nicht, die Zwei bei einem Einbruch zu überraschen.

Es folgte eine Bankfiliale am Savignyplatz. Hier mussten sie durch mehrere Wände, bis die Polizei ihnen auf die Schliche kam. Festnehmen konnten sie die Brüder jedoch wieder nicht.

Mehrere Tage lang arbeiteten sie auch an ihrem nächsten Coup, Anfang März 1928: Das Reichsbahngebäude am Schöneberger Ufer nahe dem Gleisdreieck. Von einem Raum im Erdgeschoss aus gruben sie sich nach oben, wo ein Geldtresor stand. Diesmal verhinderten die Nachtwächter eine erfolgreiche Aktion. Sie hielten das Bohren für Katzengeschrei und machten überall Licht, um die vermeintlichen Tiere zu vertreiben. Aber es waren keine Katzen, die dort flüchteten.

Wohnhaus der Gebrüder Sass in der Birkenstraße

Nur drei Wochen später, in der Nacht zum 25. März, bemerkte der Portier eines Eckhaus      es in der Budapester Straße einen brenzligen Geruch. Er rief die Feuerwehr und, weil der Geruch aus Richtung der Stahlkammer einer Bank im selben Haus kam, auch die Polizei. Die beiden Brüder konnten im allgemeinen Durcheinander fliehen.

Zurück in Moabit, es wäre wohl ihr größter Coup geworden: Ein Tresor in der Oberfinanzkasse des Landesfinanzamtes Alt-Moabit 145. Der Westflügel, in dem dieser Tresor stand, hat den Krieg überstanden, heute befindet sich hier die Polizei- und Feuerwache des Regierungsviertels. In der Nacht zum 20. Mai 1928 mussten die Brüder sich und zentnerschweres Gerät an zwei Wachmännern vorbeischmuggeln. Alles ging auch gut, der Tresor war sogar schon zur Hälfte aufgeschweißt, als ihnen ein Missgeschick passierte. Während des Rundgangs des Nachtwächters wollte Erich Sass in dessen Häuschen, um das Kabel der Alarmanlage durchzuschneiden, die mit dem Tresor verbunden war. Doch plötzlich kehrte der Wächter zurück, die Sass-Brüder mussten wieder mal fliehen und nicht nur all ihr Werkzeug zurücklassen, sondern auch neun Millionen Reichsmark.

Schließlich gelang ihnen aber doch das Meisterstück, für das sie so lange geprobt hatten. Dort, wo heute am Wittenbergplatz ein Möbelhaus-Neubau steht, befand sich Ende Januar 1929 ein Gebäude der Disconto-Bankgesellschaft. Vermutlich 2,5 Millionen Mark konnten aus aufgebrochenen Schließfächern gestohlen werden. Die Einbrecher ließen sogar bündelweise Geldscheine zurück, die sie vermutlich nicht mehr tragen konnten. Die Gebrüder Sass verließen Berlin und landeten schließlich in Kopenhagen, wo sie 1934 nach zwei Einbrüchen mit falschen Papieren festgenommen wurden. Nach mehreren Jahren Gefängnis schob man sie 1938 nach Deutschland ab. Hier wurden sie sofort von den Nazis verhaftet, Erich kam nach Plötzensee, Franz ins Zellengefängnis Lehrter Straße. Am 27. März 1940 wurden beide ins KZ Sachsenhausen gebracht und dort auf Anweisung der Gestapo erschossen. Das Geld und andere Wertsachen aus dem Einbruch in der Disconto-Gesellschaft sind zum größten Teil nie mehr aufgetaucht.